Sonntag, Dezember 16, 2007

 

Was bedeutet "Wähleranteil"?


Ein gewisser Theddy (-Bär?) macht in einem Kommentar zu meinem letzten Beitrag folgende Rechnung:

"Also, ca. 30% der Wählenden hat SVP gewählt. Die Stimmbeteiligung war bei ca. 50%. Damit hätten wir also knapp 15% der Wahlberechtigten, die der SVP die Stimme gegeben haben. Die Zahl der Wahlberechtigten ist aber nochmals kleiner, als die der Bevölkerung. Da darfst du noch Minderjährige (ca. 22% der Gesamtbevölkerung) und Ausländer (ca. 20% der Gesamtbevölkerung) abziehen. Dann wären wird wohl etwa bei 10% der Bevölkerung, die SVP gewählt haben."

Theddy scheint gelegentlich auch bei Emeidi vorbei zu schauen. Letzterer machte nämlich bereits vor einigen Monaten ähnliche Zahlenspielchen.

Die Quintessenz der obigen "Rechnung" besteht darin, dass man den Wähleranteilen der Parteien den Anteil der Nichtwähler sowie jenen der Nicht-Wahlberechtigten abzieht, woraus dann der etwas groteske Schluss gezogen wird, dass die SVP trotz einem Wähleranteil von knapp 30% maximal 10% des Volkswillens vertrete. (Analog würde dann die SP noch etwa 7% vertreten, was dann in den obigen Rechnungen erstaunlicherweise nicht erwähnt wird...)

Die linken Rechner liegen falsch: Wenn im Zusammenhang mit Wahlen und Abstimmungen vom Volk gesprochen wird, dann ist damit selbstverständlich IMMER nur jener Teil gemeint, welcher einerseits über politische Rechte verfügt und andererseits auch tatsächlich von diesen Rechten Gebrauch macht. Der(hypothetische) Wille des anderen Teils, muss für die Beurteilung dessen, was Volkes Wille ist völlig irrelevant sein bzw. es ist zu fingieren, dass er im tatsächlich geäusserten Volkswillen integriert ist.

Dass Ausländer, Entmündigte und Unter-18-jährige keinen Anspruch auf Vertretung haben, entspricht der geltenden Rechtslage und jeder, der das ändern möchte, kann sich politisch entsprechend engagieren. So lange aber dieser rechtliche status quo besteht, darf man jenen Teil der Bevölkerung auch nicht unter den Begriff "Volk" im politischen Sinne subsumieren. Gleiches gilt für die Nichtwähler. Wäre ja noch schöner, wenn Nichtwähler sich beklagen würden, sie hätten keine politische Vertretung...

Comments:
Oh je. Also nochmals - ich habe ja so viel Geduld...

Also, Sie haben geschrieben: Jene 30% der Bevölkerung, welche sich hinter Blocher stellen, sind ab sofort nicht mehr in die Regierung einbezogen.

Und ich habe Ihnen versucht darzulegen, dass es eben nicht 30% der Bevölkerung war, die SVP gewählt haben, sondern 30% der Wählenden.

Das sind keine Zahlenspielchen von mir, sondern ein Durcheinander von Begriffen von Ihnen.

Klar jetzt?
 
M'okay, Kompromiss: 30% des Volks im politischen Sinne (a.k.a. Wählende) haben SVP gewählt und der allergrösste Teil von ihnen hat sich durch diesen Akt hinter Blocher gestellt.
 
Falsch - "Volk im politischen Sinn" ist nicht gleich "Wählende". Für was soll eine solche Begriffsverwirrung gut sein?

"Wählende" ist ganz klar, da muss man nichts mehr erklären. Das sind die Leute eben, die an die Urne gingen oder ihr Wahlcouvert geschickt haben.

"Volk im politischen Sinn" ist ein unmöglicher Begriff. Sehen sie die Begriffsdefinitionen auf Wikipedia selber an.

"Bevölkerung" eines Landes ist das Total aller Menschen - Kinder, Erwachsene, Schweizer, Ausländer - eben alle.

Und ich bezweifle weiterhin, dass 27.3% der Wählenden, die SVP gewählt haben, auch für Blocher waren. Mindestens die Berner und Bündner SVP-Leute haben das schon bei den Wahlen etwas anderes gesehen...
 
1. Wenn SVPler mit der Phrase "30% der Bevölkerung stehen hinter uns" auftreten, sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Vielleicht liege ich komplett falsch, doch den Exponenten geht es mit einer solchen Aussage doch darum, etwas zu legitimieren, was nicht ist:

Der unkritische Zeitgenosse wird sich sagen: "30%? Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung steht hinter der SVP. Die Schweiz zählt 7.5 Millionen Einwohner - boah, mehr als 2 Millionen Menschen stehen hinter dieser Partei". Und das stimmt nachweislich nicht.

Wenn dieser potentielle Totschläger sachte eingesetzt wird, habe ich nichts dagegen. Ich bezweifle aber, dass sich gerade SVPler der Tragweite einer solchen Aussage bewusst sind.

2. Der Kurzschlussgedanke, dass 30% mit der SVP einzig und allein die Person Blocher gewählt haben, habe ich in einem Blog-Artikel bereits seziert. Herr Blocher stand nicht zur Wahl. Gewählt wurden 69 SVP-Kandidaten - und keiner hiess "Blocher".

Kein SPler würde jemals auf die Idee kommen, zu behaupten, dass 21.7 Prozent der Schweizer Bevölkerung für Moritz Leuenberger (oder Micheline Calmy-Rey) gestimmt haben, wenn die SP bei den Parlamentswahlen einen Wähleranteil von 21.7 Prozent erreicht.
 
Die Wahl ist die einzig gültige "Umfrage". 27,3% oder rund 30% sind 30%. Alles andere ist anti-demokratischer Firlefanz und erinnert mich an ungute Zeiten. Deshalb Smythe: Stand and fight!
 
27,3% haben SVP gewählt, aber nicht Blocher. Da nützen alle argumentatorischen Klimmzüge nichts.
 
Achtung: obige Darstellung bildet die aufgrund einer Umfrage VOR den Wahlen ermittelten Wählerstärken ab. Danach sollte die SVP auf 27.3% kommen. Tatsächlich erreichten sie dann einen Wähleranteil von 29%.

Und wenn hier schon immer von jenem (angeblich so unglaublich grossen) Teil der Blocher-feindlichen SVP-Wähler gesprochen wird, muss man konsequenterweise auch darauf hinweisen, dass Blocher unter den FDP-Wählern und sogar den CVP-Wählern (jedenfalls jenen aus den so genannten CVP-Stammlanden) zum Teil grosse Sympathien geniesst.

Jene 16%, welche schweizweit der FDP ihre Stimme gaben, wussten, dass die von ihnen gewählte Partei (als Partei) bei den Bundesratswahlen Blocher unterstützen würde. Sie dürften sich kaum über Blochers Abwahl gefreut haben, im Wissen darum, dass die Wirtschaft dadurch ihre gewichtigste Stimme in der Regierung verlor. Entsprechend äusserten Vertreter der Wirtschaft denn auch unisono ihr Bedauern über Blochers Abwahl.
 
Die Tatsachen, wie sie jetzt sind akzeptieren zu können, scheint nicht ganz deine Stärke zu sein...

Wie auch hier schon geschrieben wurde: Bei den Wahlen ging es um die National- und Ständeräte. Herr Blocher war auf keiner einzigen Liste. Die SVP hat ihr Wahlvolk mit einer völlig falschen und personenzentrieren Propaganda schlicht in die Irre geführt - bei dieser Wahl ging es nicht um Blocher, sondern um das Parlament. Blocher ist nicht der Messias für die Schweiz, die er retten müsste. Und unter welchem Auftrag er steht, hat er auch nie erläutert - auch sein Bruder nicht.

Betreffend kritischer Stimmen gegenüber Blocher von SVP-Wählern: Lies doch mal ein paar Leserbriefe im Tagesanzeiger und im Bund.

Dass die Wirtschaft über die Abwahl Blochers jammert, zeigt ja wieder mal überdeutlich, wie "volksnah" Blocher war. Gehen die Augen überhaupt noch jemals auf?

Du kannst es wenden und drehen, wie du willst: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.
 
Lieber Tinu, du findest es toll, dass Blocher abgewählt wurde, ich finde es schlecht. Quot capita tot sensus. Das ist kein Grund persönlich zu werden. Also, einfach mal locker bleiben...

"Die Tatsachen, wie sie jetzt sind akzeptieren zu können, scheint nicht ganz deine Stärke zu sein..."

Unsinn, ich akzeptiere den Entscheid des Parlaments, Blocher abzuwählen, was aber noch lange nicht heisst, dass ich ihn für richtig halten muss.

Du wirfst mir vor, Tatsachen zu verkennen, und gleichzeitig begründest deine Thesen betr. Blocher-Unterstützung der SVP-Wählerschaft u.a. mit dem Hinweis auf einzelne Leserbriefe im Tagesanzeiger, welche angeblich von SVP-Wählern stammen sollen. Klar, ich bin gaaanz sicher, dass der Tagi von unzähligen SVP-lern gelesen wird...

Übrigens: Dass wirtschaftsfreundliche Politik den Interessen des Volks zuwider laufen soll, ist pure (schon ausgestorben geglaubte) Klassenkampf-Rhetorik...
 
Die Hinweise auf die Leserbriefe waren "nur" da, um der SVP-Meinung zu widersprechen, alle SVPler hätten quasi eine einheitliche Front gebildet und alle seien für Blocher gewesen. Die SVP-Wählerschaft ist wohl ziemlich viel differenzierter, als dies die Zürcher Hauptzentrale wollte oder mindestens meinte. Ihr zentralistisches Gehabe in äusserst rüdem Ton hat offenbar vielen nicht (mehr) gefallen.

Es ist tröstlich, dass offenbar auch in der Politik (immer noch) nicht nur die Sache zählt, sondern vom Wahlvolk und vom Parlament auch auf den Ton und die Haltung geachtet wird - der Zweck heiligt eben nicht alle Mittel. Dass jetzt pötzlich mildere Töne von der SVP kommen, ist interessant - aber halt jetzt zu spät. Wer sich an der Macht wähnt, wird zur Dampfwalze und meint, keine Rücksichten mehr nehmen zu müssen. Unsere Demokratie hat zum Glück die Mittel, so etwas zu korrigieren.
 
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