Samstag, Januar 05, 2008
Mein Leserbrief im Bund
Zum Neujahr fand ich Zeit, die Silvesterausgabe des Bunds zu lesen. Spontaner Unmut und genügend Zeit veranlasste
n mich dazu, begleitet von den Klängen des Wiener Neujahrskonzerts, einen Leserbrief zum mir wenig genehmen Leitartikel des Chefredaktors zu verfassen. Der Leserbrief wurde zu meinen Entzücken in der Ausgabe vom 4. Januar in voller Länge publiziert:
Beim Militär müsse selbstverständlich weiter gespart werden. Dies mag durchaus zutreffen. Dass die öffentlichen Haushalte aber mehr als das Fünffache für soziale Wohlfahrt oder Gesundheit ausgeben und dass in Anbetracht eines riesigen, stetig wachsenden staatlichen Schuldenbergs auch hier an Sparmassnahmen zu denken wäre, wird mit keinem Wort erwähnt. Dafür lässt sich der Autor umso heftiger zu einer Tirade gegen den schweizerischen Steuerwettbewerb hinreissen.
Weiter wird getreu der (erfolglosen) sozialdemokratischen Wahlkampfmaxime, primär Politik gegen Blocher und seine Partei zu betreiben, für die «Erosion des Schweizerischen» mit aller Selbstverständlichkeit in erster Linie die SVP verantwortlich gemacht. Als Opfer der von Samuel Schmid beklagten zunehmenden Anpöbelungen und Morddrohungen werden sodann scheinbar zufällig lediglich die der SVP aus nachvollziehbaren Gründen wenig genehmen Eveline Widmer-Schlumpf und Lucrezia Meier-Schatz genannt, obwohl Schmid in seiner Mitteilung doch ausdrücklich betonte, sämtliche Mitglieder der Regierung seien mit dieser Problematik konfrontiert. Dabei werden Klischees bedient, die – wie eingangs erwähnt – im Stil eher einer Propagandaschrift denn dem Leitartikel einer neutralen Tageszeitung ähneln: Die SVP erhebe einen «Alleinvertretungsanspruch für das Volk», wolle «die Schweiz wieder verbarrikadieren», sei fremdenfeindlich und «akzeptiere den politischen Gegner nicht mehr als Menschen».
Von einer Zeitung wie dem «Bund» würde ich mir für das neue Jahr zugunsten nüchterner Sachlichkeit etwas weniger ideologisch gefärbte Leitartikel wünschen."
n mich dazu, begleitet von den Klängen des Wiener Neujahrskonzerts, einen Leserbrief zum mir wenig genehmen Leitartikel des Chefredaktors zu verfassen. Der Leserbrief wurde zu meinen Entzücken in der Ausgabe vom 4. Januar in voller Länge publiziert: "Bei der Lektüre musste ich mich bisweilen fragen, ob ich hier wirklich die Rückschau einer «unabhängigen liberalen Tageszeitung» lese oder ob ich stattdessen eine sozialdemokratische Propagandazeitschrift vor mir habe. Die fehlende Mitgliedschaft der Schweiz in der EU wird bedauert; Gegner des Beitritts – so wird zumindest suggeriert – würden ihr Land als «in sich abgeschlossenes, abgeschottetes Gebilde» verstehen.
Beim Militär müsse selbstverständlich weiter gespart werden. Dies mag durchaus zutreffen. Dass die öffentlichen Haushalte aber mehr als das Fünffache für soziale Wohlfahrt oder Gesundheit ausgeben und dass in Anbetracht eines riesigen, stetig wachsenden staatlichen Schuldenbergs auch hier an Sparmassnahmen zu denken wäre, wird mit keinem Wort erwähnt. Dafür lässt sich der Autor umso heftiger zu einer Tirade gegen den schweizerischen Steuerwettbewerb hinreissen.
Weiter wird getreu der (erfolglosen) sozialdemokratischen Wahlkampfmaxime, primär Politik gegen Blocher und seine Partei zu betreiben, für die «Erosion des Schweizerischen» mit aller Selbstverständlichkeit in erster Linie die SVP verantwortlich gemacht. Als Opfer der von Samuel Schmid beklagten zunehmenden Anpöbelungen und Morddrohungen werden sodann scheinbar zufällig lediglich die der SVP aus nachvollziehbaren Gründen wenig genehmen Eveline Widmer-Schlumpf und Lucrezia Meier-Schatz genannt, obwohl Schmid in seiner Mitteilung doch ausdrücklich betonte, sämtliche Mitglieder der Regierung seien mit dieser Problematik konfrontiert. Dabei werden Klischees bedient, die – wie eingangs erwähnt – im Stil eher einer Propagandaschrift denn dem Leitartikel einer neutralen Tageszeitung ähneln: Die SVP erhebe einen «Alleinvertretungsanspruch für das Volk», wolle «die Schweiz wieder verbarrikadieren», sei fremdenfeindlich und «akzeptiere den politischen Gegner nicht mehr als Menschen».
Von einer Zeitung wie dem «Bund» würde ich mir für das neue Jahr zugunsten nüchterner Sachlichkeit etwas weniger ideologisch gefärbte Leitartikel wünschen."
Lustig: mein Beitrag befindet sich zwischen zwei Leserbriefen, welche sich als (linke?) Gesinnungsgenossen des Chefredaktors entlarven. Für die Leserschaft des Bunds - finde ich - entsteht ein Gewinn, wenn die Reaktionen auf den Leitartikel nicht durchwegs zustimmender Art sind.
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Aus dem Leitartikel kann ich nicht entnehmen, dass eine EU-Mitgliedschaft der Schweiz bemängelt würde, im Gegenteil, auch ohne Mitglied zu sein, wirkt die Schweiz konstruktiv (nicht blind folgend) mit.
Links oder rechts sind relative Grössen. Von Dir aus gesehen sind wahrscheinlich fast alle anders denkende "links". Ich würde in meinem Umfeld wohl kaum als linker geschimpft werden, schliesse mich aber der Meinung im Leitartikel weitgehend an. Die SVP hat zu einer Verrohung der demokratischen Kultur in der Schweiz geführt, insbesondere durch Fremdenfeindlichkeit, mangelndem Respekt vor den Institutionen und einer latenten Gewaltbereitschaft (zumindest!! verbal). Letzteres ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass die SVP auch erfolgreich im rechtradikalen Lager auf Stimmenfang gegangen ist. Die Parteispitze der SVP bekämpft Dissidenz sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Partei. Für den Stimmenfang ist das sicher gut, für einen Liberalen dagegen ein "No-go". Da ändert auch der vorgespielte Wirtschaftsliberalismus der SVP nichts.
Dass man anstatt an die Armee einmal auch an die Sozialversicherungen denken sollte, wenn's um's Sparen geht, da hast Du sicher recht - im Gegensatz zu den Parteien (inkl. SVP), die sich an diesem Thema nicht die Finger verbrennen wollen.
Links oder rechts sind relative Grössen. Von Dir aus gesehen sind wahrscheinlich fast alle anders denkende "links". Ich würde in meinem Umfeld wohl kaum als linker geschimpft werden, schliesse mich aber der Meinung im Leitartikel weitgehend an. Die SVP hat zu einer Verrohung der demokratischen Kultur in der Schweiz geführt, insbesondere durch Fremdenfeindlichkeit, mangelndem Respekt vor den Institutionen und einer latenten Gewaltbereitschaft (zumindest!! verbal). Letzteres ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass die SVP auch erfolgreich im rechtradikalen Lager auf Stimmenfang gegangen ist. Die Parteispitze der SVP bekämpft Dissidenz sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Partei. Für den Stimmenfang ist das sicher gut, für einen Liberalen dagegen ein "No-go". Da ändert auch der vorgespielte Wirtschaftsliberalismus der SVP nichts.
Dass man anstatt an die Armee einmal auch an die Sozialversicherungen denken sollte, wenn's um's Sparen geht, da hast Du sicher recht - im Gegensatz zu den Parteien (inkl. SVP), die sich an diesem Thema nicht die Finger verbrennen wollen.
Eben: bemängelt wird die EU-NICHT-Mitgliedschaft, ein EU-Beitritt der Schweiz wird - jedenfalls andeutungsweise - gutgeheissen. Weiter spricht sich der Autor klar gegen den kantonalen Steuerwettbewerb aus, sieht die Notwendigkeit staatlicher Sparmassnahmen einzig bei der Armee und schiesst mit (in aller Regel von linken PolitikerInnen verwendeten) Schlagworten gegen die Blocher-Partei. Wenn man diese Haltung nicht als links bezeichnen darf, habe ich irgendetwas nicht begriffen.
Jemanden als einen Linken zu "schimpfen", wie du es schreibst, käme mir hingegen nicht in den Sinn. Die Meinungsfreiheit ist unantastbar. Nichtsdestotrotz darf ich ganz persönlich die linke Ideologie für die falsche halten...
Wenn aber der Chefredaktor einer angeblich "unabhängigen, LIBERALEN Tageszeitung" in weiten Teilen seines Leitartikels sich im Sinne des sozialdemokratischen Parteiprogramms äussert, darf ich doch ein kleines Problem damit haben.
Zur SVP: selbstverständlich weist diese Partei - wie jede andere auch - Fehler und Widersprüche auf. Wenn ich darüber lesen will, brauche ich schlicht und einfach eine x-beiliebige Zeitung aufzuschlagen.
In (fast) keiner Zeitung wird hingegen auf die Unzulänglichkeiten etwa der SP hingewiesen, deren Politik eine ernsthafte Gefahr für unseren Wohlstand darstellt.
Jemanden als einen Linken zu "schimpfen", wie du es schreibst, käme mir hingegen nicht in den Sinn. Die Meinungsfreiheit ist unantastbar. Nichtsdestotrotz darf ich ganz persönlich die linke Ideologie für die falsche halten...
Wenn aber der Chefredaktor einer angeblich "unabhängigen, LIBERALEN Tageszeitung" in weiten Teilen seines Leitartikels sich im Sinne des sozialdemokratischen Parteiprogramms äussert, darf ich doch ein kleines Problem damit haben.
Zur SVP: selbstverständlich weist diese Partei - wie jede andere auch - Fehler und Widersprüche auf. Wenn ich darüber lesen will, brauche ich schlicht und einfach eine x-beiliebige Zeitung aufzuschlagen.
In (fast) keiner Zeitung wird hingegen auf die Unzulänglichkeiten etwa der SP hingewiesen, deren Politik eine ernsthafte Gefahr für unseren Wohlstand darstellt.
Bei dem mit der SP hast Du sicher auch recht, eigentlich sollte es Aufgabe einer liberalen Zeitung sein (auch) nach links auszuteilen. In diesem Sinn finde ich Deinen Leserbrief auch sehr nützlich !
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