Dienstag, April 08, 2008

 

SVP-Wähleranteil - Der Tragödie zweiter Teil

Wenn es ums Herunterspielen von SVP-Wahlerfolgen geht, legen gewisse Leute mitunter schon fast bewundernswerte Phantasie und Originalität an den Tag. Bereits im letzten Dezember war ich gezwungen, an dieser Stelle ein paar ganz abstruse Zahlenverdreher auf den Boden der Realität zurückzuholen.

Ähnliches wiederholt sich nun bezüglich Interpretation der SVP-Wahlresultate bei kantonalen Wahlen seit der Blocher-Abwahl vom 12. Dezember 2007 (sie gewann in sämtlichen Kantonen). Während gewisse linke Tageszeitungen abstruserweise trotz Sitzgewinnen von einer Niederlage der SVP ausgehen (Grund: bei den NR-Wahlen im Herbst war der SVP-Wähleranteil NOCH höher als jetzt bei den kantonalen Wahlen), bleibt die mitte-linke, aber vernünftige NZZ bei den Tatsachen.

Die identische Debatte hat sich auch im Mikrokosmos der Kommentar-Ecke meines kleinen Blogs abgespielt und soll im Folgenden anhand chronologischer Auszüge daraus kurz vorgestellt werden (Ja, es handelt sich über weite Teile um einen Comment-Recycling-Post):

Emeidi:
"... Die Wahlen im Berg- und Urchel-Kanton Uri wiederum halte ich nun wirklich nicht für "repräsentativ" für die Gemütslage von Herrn und Frau Schweizer. ..."

Smythe:
"... Betr. Wahlerfolgen hätte ich auch auf den Kanton Thurgau hinweisen können oder Glarus, wo sich ein Sitzgewinn im Regierungsrat abzeichnet..."

Andreas Kyriacou:
"... Die SVP hat in TG, SG und SZ seit dem vergangenen Herbst Wähleranteile eingebüsst, und zwar ziemlich drastisch (wenn auch auf sehr hohem Niveau). ..."

Smythe:
"Im Kanton Bern fanden die Grossratswahlen rund ein Jahr vor den Nationalratswahlen statt. Bei den Grossratswahlen 2006 betrug der Wähleranteil der SVP 27.4%; bei den Nationalratswahlen 2007 lag er bei 33.6%. Wieso folgerte (nach gleicher Logik) aus diesen Zahlen kein Tagi-Journalist, die SVP sei massiv auf dem Vormarsch? Fakt ist: Wähleranteile von kantonalen Wahlen lassen sich nicht 1:1 mit denen von eidgenössischen Wahlen vergleichen. Unterschiedliche Wahlverfahren, unterschiedliche Anzahl Listen, unterschiedliche Wahlkreise und unterschiedliche Listenverbindungen gilt es zu berücksichtigen. ..."

gugus-dada:
"Wahlerfolg dieses Wochenende? Ach was, im Gegenteil! Thurgau: gemessen an den NR-Wahlen 2007 (und diese gelten hier als Referenzpunkt, logo!) Rückgang um 7 Prozentpunkte. ..."

Smythe:
"Hmmm, die NZZ (bekanntlich alles andere als eine Blocher-freundliche Zeitung!) sieht die Sache mit den Wähleranteilen auf Seite 33 ihrer heutigen Ausgabe etwas anders... Meinem Hinweis im obigen Kommentar entsprechend stellt sie klar, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht, wenn man bezüglich Wähleranteilen kantonale mit eidgenössischen Wahlen vergleicht und daraus einfach-gestrickte Schlüsse zieht. Treffend weist sie darauf hin, dass der SVP-Anteil in den kantonalen Parteien noch nie so hoch war wie heute. Und, noch interessanter: dass der Wähleranteil der SVP (auch jener der SP) kantonal in den letzten Jahren IMMER deutlich und konstant unter dem eidgenössischen Gesamtanteil lag (bei CVP und FDP lag er übrigens konstant darüber). Entsprechend stellen die im Vergleich zum Herbst 07 tieferen Werte nicht ein Absacken, sondern vielmehr ein langsameres Nachvollziehen des eidgenössischen Trends dar. "

"Kommentare, welche in diesen Zahlen den Anfang vom Niedergang der SVP zu erkennen glauben, gehören in die Schublade des lieber-schreiben-wie-man's-gern-hätte-als-schreiben-wie-es-ist-Journalismus und sind letztlich nichts als die Durchhaltepropaganda frustrierter Wahlverlierer und linker Journalisten. Aber ich verstehe natürlich, dass besagte Journalisten (noch Angestellte wie auch bereits Arbeitslose und in die Blogosphäre verbannte ;-) ) derartige Zahlenspielchen gerne aufnehmen...Wie oben bereits gesagt, kann ich die Jungs dennoch beruhigen: So lange der Mönch zwischen dem Eiger und der Jungfrau steht, wird in diesem Land KEINE Partei - auch die SVP nicht - einen Wähleranteil von 50% erreichen, d.h. früher oder später wird die von gewissen Teilen so herbeigesehnte Stagnation der SVP schon kommen. Niemand kann 15 Jahre lang (abgesehen von geringen lokalen Einbussen) in allen Wahlen immer nur gewinnen. Niemand."

Anstatt diesen Moment aber krankhaft und stets erfolglos (muss ja echt frustrierend sein) und mit derart abwegigen Begründungen herbeischreiben zu wollen, empfehle ich diesen Jungs, doch einfach noch ein paar Töpfer-Kurse zu besuchen, ein paar Platten Manu Chao oder Bob Dylon zu hören, ein paar mal nach Kuba zu reisen, kurz: abzuwarten und (Grün-)Tee zu trinken und sich dann, wenn der Moment ganz von alleine eingetreten ist, schlicht und einfach darüber zu freuen... Na, wär das was?
Comments:
Aber, aber - bitte sehr! Meine Aussage wurde doch völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

Im Gegensatz zu einigen Genossen anerkenne ich die Wahlerfolge der SVP Kantonalparteien der letzten Monate kompromisslos an - so kompromisslos wie ich die (mehrheitlichen) Verluste der SP zur Kenntnis nehmen muss.

Daran zu rütteln gibt es nichts, auch wenn einige Leute aus meiner Partei das Gefühl haben, die Medienkonsumenten für dumm zu verkaufen, wenn Nationalrats- (= Äpfel) und Kantonsparlamentswahlen (= Birnen) verglichen werden.

Die SVP ist momentan klar und unangefochten die stärkste Partei der Schweiz. Den Konkurrenz-Parteien bleiben noch knapp vier Jahre, um das Schlimmste (40% Wähleranteil) im 2011 zu verhindern. In die Hosen!

Meine Aussage zur Repräsentativität des Kantons Uri habe ich auf deinen Blog-Artikel über das Drama Evelyne Widmer-Schlumpf bezogen. Dort hast du dich - jederzeit nachzulesen - gewundert, wieso EWS im Volk gemäss Umfragen derart beliebt sein soll - und die SVP dann doch Wahlen um Wahlen gewinnt. Meine Replik darauf:

Die Wahlen im Berg- und Urchel-Kanton Uri wiederum halte ich nun wirklich nicht für "repräsentativ" für die Gemütslage von Herrn und Frau Schweizer.

Ich persönlich behaupte weiterhin steif und fest, dass in einem urbanen Wahlkreisen mit vielen erwerbstätigen Frauen (böse Zungen könnten auch von "emanzipierten" Frauen sprechen) die Posse um den Fraktions-, Partei- und demnächst wohl Landesausschluss von EWS nicht nur halb so gut ankommt wie in Urchel-Kantonen, bspw. Uri. Was schlussendlich die Beliebtheit von Frau Widmer-Schlumpf erklärt - die Schweiz wird nicht durch Bergkantone, durch die urbanen Zentren dominiert, weshalb der urbanen Bevölkerung in Umfragen auch die entsprechende Gewichtung eingeräumt wird. Von Uri auf die ganze Schweiz zu schliessen wäre unklug.


Zur Anreicherung der Diskussion verweise ich zum Schluss noch auf einen Artikel des linken Kampfblattes Tagi mit Äusserungen des linksextremen Claude Longchamps (aus deiner Warte aus gesehen):

SP konnte Blocher-Abwahl nicht nutzen

Ich zitiere:

SVP-Präsident Toni Brunner weiss genau, weshalb die seine Partei bei den Parlamentswahlen im Thurgau obenaus schwang, während die SP absackte: Dies sei die Quittung dafür, dass Mitte-Links die Abwahl Blochers inszeniert habe, interpretierte er am Sonntagabend keck.
Die These klingt gut, lässt sich aber kaum belegen: Politikwissenschafter Claude Longchamp hält in seinem Blog dagegen. Politologe Werner Seitz verwirft sie ebenso. Und die SP-Spitze ohnehin.


Und weiter:

Die These Brunners wankt ein zweites Mal beim Betrachten der FDP-Resultate vom vergangenen Wochenende: Sowohl im Thurgau als auch in Uri verloren die Freisinnigen Sitze, obwohl sie sich an der Abwahl Blochers nicht beteiligt hatten.
 
Ich weiss, ich weiss, dich habe ich mit den "gewissen Leuten" eigentlich auch nicht gemeint. Ich wollte nur rekonstruieren, wie sich die Diskussion vom Thema "undemokratisch oder nicht" zur Diskussion der Wahlresultate entwickelte...

Nur zu einem kleinen Detail von Longchamps Thesen:

"...obwohl die Freisinnigen sich an der Abwahl Blochers nicht beteiligt hatten."

Stimmt nicht! Mindestens 10 FDP-ler und damit wohl etwa ein Viertel der Vereinigten Bundesversammlung (mag nicht nachrechnen) haben EWS gewählt. Nicht nur Markwalder...
 
"auch wenn einige Leute aus meiner Partei das Gefühl haben, die Medienkonsumenten für dumm zu verkaufen, wenn Nationalrats- (= Äpfel) und Kantonsparlamentswahlen (= Birnen) verglichen werden".

Lieber Studikus, der Vergleich NR und Kantonsratswahlen ist sehr wohl zulässig, ja zwingend. Denn um das Resultat des letzten Wochenendes zu verstehen, muss jenes vom Oktober 2007 herangezogen werden. Das Elektorat hat seit letzten Oktober und namentlich seit der Hetzkampagne gegen Widmer-Schlumpf bzw. gegen die demokratischen Institutionen zur Kenntnis nehmen müssen, was mit der SVP abgeht. Der Trend zur Nationalisierung der Politik ist eindeutig, die SVP selbst macht da ja an vorderster Front mit. So gesehen ist es richtig, ja zwingend, die Wahlen vom Sonntag mit jenen vom Oktober zu vergleichen. Das hat nichts mit "für dumm verkaufen" zu tun, sondern mit simpler Logik.
 
Smythe, in meinem Beitrag ging's in erster Linie um die Behauptung, die jüngsten SVP-Erfolge seien die Quittung für die Blocherabwahl. Um das zu verifizieren, muss man Äpfel und Birnen, bzw. eben die NR- und KR-Wahlen vergleichen, da erstere unmittelbar vor und zweitere nach der Blocherabwahl stattfanden.

Eine wirklich sorgfältige Analyse würde natürlich auf Wählerzahlen, möglichst gemeindegenau, basieren. Aber das wird dann schon reichlich aufwändig. Die prozentualen Stärken erlauben aber sehr wohl ebenfalls eine Interpretation. Und zumindest soviel kann man aus den Zahlen rauslesen: Toni Brunners These kann kaum stimmen. Die SVP hat auf sehr hohem Niveau gewonnen, aber der Trend seit Herbst zeigt abwärts. Die Abwahl war also wohl nicht der Grund für die Gewinne im Vergleich zu vor vier Jahren.
 
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